Der Knabe im Moor!
O schaurig ist's übers Moor zu gehn
Wenn es wimmelt vom Heiderauche
Sich wie Phantome die Dünste drehn
Und die Ranke häkelt am Strauche
Unter jedem Tritte ein Quellchen springt
Wenn aus der Spalte es zischt und singt
O schaurig ist's übers Moor zu gehn
Wenn das Röhricht knistert im Hauche
Fest hält die Fibel das zitternde Kind
Und rennt als ob man es jage
Hohl über die Fläche sauset der Wind
Was raschelt drüben am Hage
Das ist der gespenstige Gräberknecht
Der dem Meister die besten Torfe verzecht
Hu, hu, es bricht wie ein irres Rind
Hinducket das Knäblein zage
Vom Ufer starret Gestumpf hervor
Unheimlich nicket die Föhre
Der Knabe rennt, gespannt das Ohr
Durch Riesenhalme wie Speere
Und wie es rieselt und knittert darin
Das ist die unselige Spinnerin
Das ist die gebannte Spinnlenor
Die den Haspel dreht im Geröhre
Voran, voran, nur immer im Lauf
Voran als woll' es ihn holen
Vor seinem Fuße brodelt es auf
Es pfeift ihm unter den Sohlen
Wie eine gespenstige Melodei
Das ist der Geigemann ungetreu
Das ist der diebische Fiedler Knauf
Der den Hochzeitheller gestohlen
Da birst das Moor, ein Seufzer geht
Hervor aus der klaffenden Höhle
Weh, weh, da ruft die verdammte Margret
»Ho, ho, meine arme Seele
Der Knabe springt wie ein wundes Reh
Wär' nicht Schutzengel in seiner Näh
Seine bleichenden Knöchelchen fände spät
Ein Gräber im Moorgeschwele
Da mählich gründet der Boden sich
Und drüben, neben der Weide
Die Lampe flimmert so heimatlich
Der Knabe steht an der Scheide
Tief atmet er auf, zum Moor zurück
Noch immer wirft er den scheuen Blick
Ja, im Geröhre war's fürchterlich
O schaurig war's in der Heide
Von Annette von Droste - Hülshoff!